Vor knapp einem Jahr bewarb ich mich vor einer sechsköpfigen Professoren Kommission der Universität der Künste für das sog. Meisterschülerstudium. Zum Bewerbungsprocedere gehört neben der Bedingung das Diplom mit Auszeichnung abgeschlossen zu haben auch die schriftliche Darstellung des Meisterschülervorhabens, welches eine “nachvollziehbare Beschreibung im Hinblick auf Thema, Inhalt, künstlerisch/gestalterische Verfahrensweise und einzusetzende Medien“, “eine Beschreibung des subjektiven Interesses“, eine “Erläuterung der angestrebten Vorgehesweise” und “einen Umriss des sichtbaren Endergebnisses” beinhaltet. Ein “selbstdefiniertes Vorhaben mit experimentellem Charakter soll frei von künstlerisch/gestalterischen Konventionen in produktiver Reflexion mit der Zielsetzung der künstlerischen Fortentwicklung” realisiert werden. Mein Vorhaben konnte ich bis dato in der vagen Idee zusammenfassen irgendetwas-poetisches-von-mit-oder-über-Seeigel-zu-machen. Aus diesem Ansatz manifestierte sich im Gespräch mit der Kommissionsrunde die Aufgabe ein hybrides Objekt zu erschaffen, “welches auf metaphorischer Ebene eine Geschichte erzählt und faktisch den umgebenden Raum mit zusätzlichem Charakter versieht.“. Form und Größe der Installation waren noch nicht beschreibbar und flux ward ich zum Meisterschülerstudium zugelassen. Großartig, es konnte losgehen.
Für die Planung und Strukturierung der einzelnen Projektphasen des Meisterschülerprojektes half die Projekt-Management Software Gantt, für Recherche und Eigendokumentation ein Media-Wiki in dem Recherchematerial gesammelt und Fragen strukturiert werden konnten; je mehr Fragen aufkamen desto mehr Antworten und Hilfestellungen folgten. So bekam ich bei der Durchführung des Projektes von einigen Personen Unterstützung für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte: Verònica Fernàndez-Strössner de Beck (Rückendeckung), Björn Müller (3D), Jens Wunderling (Code), Eva Offenberg (Print), Andrea Bassi (Sound), David Siegel (Hardware), Martin Springer (Physik und Mathematik), Simon Schießl (frischer Blick). Außerdem Martin Nawrath von der KHM (Nutzung eines Theremin als Inputdevice), Mike Lischke (Metall- und Apparatebau), Zugfedern Sauerbier, Segor Electronics, ART+COM (u.a. durch Sponsoring der Kunstdrucke) und selbstverständlich meinem Meister Prof Joachim Sauter. Vielen Dank!
Die fast komplette Doku nach dem break:

Herausforderung Zeitmanagement: Die Bearbeitung des Meisterschülerprojektes erfolgte parallel zum Fulltime-Job – ab 20:00 Uhr…
In meinen Recherchen befasste ich mich mit realen und fiktionalen Anatomien von Meeresgetier, speziell mit anatomischen Schautafeln und deren abbildhafter Darstellung von Prozessen und Zuständen (Eine schöne Übersicht bietet der historische Buchbestand des Staatlichen Naturhistorischen Museums Braunschweig in der Universitätsbibliothek). Der Untersuchung technischer Details in Form von gezeichneten Diagrammen und Grafiken als ergänzende Erklärebene innerhalb der gezeichneten Illustrationen, der Benutzung von Detailtypographie und der Verwendung lateinischer Bezeichnungen folgte die Analyse der Spezie des sechsstrahligen Blumentieres (Hexacorallia Zoantharia). Es handelt sich dabei um ein Nesseltier, das als naher Verwandter der Seeanemonen (Actiniaria) systematisch eingeordnet werden kann in die Unterklasse der Anthozoa (dem gemeinen Blumentier).

Referenz: Zoanthidea (Krustenanemone, Bildquelle: Wikipedia)
Der anatomische Aufbau aller Zoa-Arten ist gleich: Das zum Körper hin verlaufende Standbein (Scapus oder Actinopharynx) ist ein Ausläufer des Schlundrohres (Stomodeum) und verbindet die Halspassage mit der Fußscheibe (Basis). Das Gekröse (Mesenterien) sitzt im Schaft (Scapus). Das Köpfchen (Capitulum) ist umgeben von Tentakeln, die in einer kreisförmigen Wimpernstraße (Siphonoglyph oder Sulcus) um die zentrale Mundscheibe angelegt sind. Die schlagenden Wimpern erzeugen einen Wasserstrom und strudeln einerseits Beute an die mit Nesselkapseln besetzten Tentakeln, andererseits dienen sie auch der Verteidigung. Beute wird dem Mund zugeführt und in den Gastraltaschen verdaut. Sinn und Zweck der Mundöffnung ist es Nahrung aufzunehmen aber auch Geschlechtszellen (Gameten) auszutauschen. Aus dem strukturellen Aufbau des sechsstrahligen Blumentieres ist die anatomische Struktur des während des Meisterschülerstudiums entwickelten Zoanthroiden abgeleitet.


‘Der Zoanthroid’ oder die Entdeckung einer neuen Art.
Zoanthroiden gehören der Taxon medialer Hybridwesen an. Als techniler Organismus folgt dieser mechanisch-kausalen aber auch organisch-teleologischen Prozessen. Zoanthroiden leben semi-sessil mit kosmopolitischer Verbreitung im semi-öffentlichen Raum und treten dort entweder solitär oder in seltenen Fällen kolonien-bildend in Erscheinung. Ökologischer Habitat ist die Ausstellungssituation. Der Korpus der Zoanthroiden folgt einer zylindrischen Grundform. Gliedmaßen und Körperteile sind bilateralsymmetrisch aufgebaut. Das Skelett und die äußeren Organe werden durch metallische, die inneren Organe durch elektrotechnische Teile gebildet. Die Basis bildet die Basalscheibe. Actinopharynx (Standbein, Hals-Passage), Siphonoglyph (dichte Bewimperung um die Mundscheibe herum) und Mesenterien (Gekröse) sind die Hauptcharakteristika des Zoanthroiden. Im Capitulum (Köpfchen) sitzt die zentrale Mundöffnung (umgeben von der schlagenden Wimpernstraße).

Acht Schautafeln erklären anhand verschiedener Prozesse und Zustände Verhalten und Anatomie der Zoanthroiden.


Die stimmgabelartigen Wimpern (lat. Helianthopsis mabrucki, gegabelte oder verzweigte Tentakel) erfüllen zwei Zwecke:
- Kommunikation mit der Umgebung: Die Stimmgabeln sind Sensor und Aktor in gleichen Teilen. Als fühlerartige Organe mit sensorisch-sensibelen Fähigkeiten können Entfernungen zu Fressfeinden- oder Fortpflanzungspartnern wahrgenommen werden. Informationen zu erhorchten äußeren Reizen werden an die Mesenterien weiter gegeben, dort verarbeitet und die Bewegungsanforderungen an die Aktoren zurückgegeben. Bei der Konvertierung elektrischer Signale in physikalische (mechanisch-kinetisch) Bewegung entstehen Töne, die durch die Resonanzfläche des Capitulums verstärkt werden.
- Nahrungsaufnahme: Durch motorische Muskulatur heben und senken sich die Tentakeln in organischen Bewegungen. Als Erklärung für dieses Verhalten wird diskutiert, ob Betrachter durch hypnotisch-fesselnde Winkbewegungen herangestrudelt werden sollen – Zoanthroiden würden sich demnach von der Bewunderung des Betrachters ernähren.
Zoanthroide teilen sich durch Ton und Bewegung mit; dabei folgen sie einer simplen Verhaltensregel:
V = U + Z
Verhalten (V) = Umgebungsanalyse (U) + Zustand (Z)
Umgebungsanalyse: I = A / (E * T)
Input (I) = Zustand der Umgebung (A) / (Entfernung (E) * Zeitfaktor (T))
A: 1 oder 0 (1 wenn Person/Nahrung geortet wurde)
E: Entfernung zu Person/Nahrung zu Objekt
T: Zeitwert in der sich Person/Nahrung dem Objekt nähert (schnell <-> langsam)
Zustand: Z = Calt + (Cneu - Calt)
Zustand (Z) = Conditionalt + (Conditionneu - conditionalt)
Durch Auditivität und Bewegungsapparat können Zoanthroide unterschiedliche Zustände abbilden. Nähert sich ein Mensch dem Hybridwesen reagiert dieses durch Änderung seines Bewegungsmusters und der erzeugten Töne auf die menschliche Nähe. Dabei durchläuft ein Zoanthroid einen auditiven Stimmungswandel von absoluter Entspanntheit (positives Verhalten gegenüber einem Betrachter) bis hin zur totalen Überforderung (Abwehrverhalten).
Das linke Diagramm beschreibt die Bewegungen anhand der Stimmung, das rechte Diagramm stellt vier Quadranten da, die die auditive Stimmung im Bezug zur menschlichen Nähe beschreibt. Bei der Annäherung durchläuft der Zoanthroid die Gemütslagen Entspannung, Zuneigung, Aufregung und Abneigung.
Obiges Beispiel zeigt ein recht aufgeregtes, aber auf den Menschen durchaus positiv gestimmtes Exemplar eines Zoanthroiden.
In einer Reihe von Bewegungsstudien konnten unterschiedliche Bewegungsarten in unterschiedlichen Laufrichtungen und -geschwindigkeitung simuliert und ihre Wirkung auf den Betrachter getestet werden.
—————————
—————————-

Obiges Bild: Felix Hardmood Beck präsentiert erstmalig den Zoanthroiden in der Digitalen Klasse von Prof Joachim Sauter an der Universität der Künste Berlin. (Foto von Markus Lerner. Vielen Dank.)
Emergeandsee Media Arts Festival Berlin 2011

Emergeandsee Media Arts Festival Berlin 2011

Emergeandsee Media Arts Festival Berlin 2011
More pictures from the Emergeandsee Media Arts Festival can be found here.















[...] an der Universität der Künste Berlin entwickelt. Eine ausführliche Dokumentation findet sich hier. Das Projekt baut auf Ansätzen simpler Verhaltensforschung auf, die vom Betrachter abgerufen [...]